Moritz Bleibtreu

 

"Wenn ich mich überrasche, dann überrasche ich dich"
(Alice Markuly)
"Das Wichtigste ist, dass die Story mich anspricht und fesselt ..."
(Sat.1)

 

"Wenn ich mich überrasche, dann überrasche ich dich"
(Alice Markuly)

Moritz Bleibtreu stellte bereits als Manni in "Lola rennt" oder als Andreas Baader im "Baader-Meinhoff-Komplex" sein Können unter Beweis. Jetzt ist er als Joseph Goebbels in Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" zu sehen. Mit SWR1-Moderatorin Katja Heijnen sprach er darüber, wie er mit zwölf Jahren den Hamburger Sperrmüll nach Stühlen durchsuchte, warum er in New York sein Selbstvertrauen verlor und wieso für ihn manche Ansätze der Schauspielerei keinen Kunstanspruch haben.

Katja Heijnen: Sie sind bei Ihrer Mutter, Monica Bleibtreu, in Hamburg aufgewachsen. Sie ist leider im Jahr 2009 verstorben. Was denken Sie, war das Wichtigste, das Sie von ihr gelernt haben?

M.: Das kann ich gar nicht auf eine Sache reduzieren. Ich kann sagen, was ich die größte Eigenschaft an ihr als Mutter empfand. Das war die Tatsache, dass meine Mutter Erziehung nie als Autorität betrachtet hat. Sie hat mich immer vom frühsten Alter an in ihre Welt einbezogen und hat immer versucht, sich zu erklären. Also wenn meine Mutter einen Fehler gemacht hat, weil sie gerade schlecht gelaunt war, dann kam sie zwei Stunden später zu mir und hat sich entschuldigt. Sowas machen die meisten Eltern nicht.

Obwohl Sie und Ihre Mutter sich sehr nahe standen, war Ihre Kindheit nicht immer nur unbeschwert. Mit zehn Jahren haben Sie Ihren engsten Freund verloren. Fast gleichzeitig, als er starb, ist Ihre Mutter mit Ihnen ins Hamburger Bahnhofsviertel umgezogen - St. Georg, ein wirklich hartes Pflaster. Wieso hat sie das damals gemacht?

M.: Das war cool. Das gehörte einfach dazu. Nein, es war nicht nur cool. Es war nah zum Schauspielhaus, wo meine Mutter lange engagiert war. Das lag direkt um die Ecke. Aber ein Bahnhofsviertel ist ein Bahnhofsviertel. Meine Mutter hat damals sehr viel ausprobiert. Sie hat eine eigene Theatergruppe gegründet und hat, mehr oder weniger, mit allen bürgerlichen Werten und Normen gebrochen. Sie hat nicht mal mehr Staatstheater gemacht, sondern alles auf eigene Kappe. Sie hat einfach irgendwo Räume gemietet und Stücke inszeniert.Ich habe damals, mit zwölfeinhalb, meine ersten Karten verkauft und nachts vom Sperrmüll Stühle eingesammelt, damit wir die Leute irgendwohin setzen konnten. Das waren quasi die Ursprünge der echten Punk-Rock-Zeit, frühe 80er Jahre. Das hat meine Mutter wirklich sehr konsequent mitgemacht und hat mir da auch einiges abverlangt, weil ich eigentlich, wie jedes Kind, ein bürgerliches Leben lieber gehabt hätte.

Nach der elften Klasse haben Sie die Schule geschmissen und sind als Au-Pair nach Paris. Danach sind Sie nach New York um das berühmte "Method acting" zu lernen, die Kunst der emotionalen Verwandlung. Erklären Sie doch kurz für alle, die das noch nie gehört haben, was das genau ist.

M.: "Method" ist eigentlich eine sehr schlaue Idee. Der Grundgedanke ist, dass man ein persönliches Gefühl aufbaut, um mit diesem Gefühl eine bestimmte Szene zu spielen. Sprich, ich denke beispielsweise daran, wie meine Katze gestorben ist, nehme dieses Gefühl mit, gehe vor die Kamera und spiele, beispielsweise, dass meine Frau mich verlassen hat. Das ist jetzt sehr vereinfacht, aber das ist das grundsätzliche Prinzip.

Aber das war gar nicht Ihr Ding.

M.: Nein, überhaupt nicht. Ich habe den Grundansatz nie verstanden, weil das für mich immer ein Gegensatz zum Spiel war. Ich bin daran kläglich gescheitert und habe auch schwer darunter gelitten. Ich dachte damals, das sei das Non-Plus-Ultra, und wenn ich das nicht kann, dann kann ich nicht spielen. Es hat mich viel Kraft gekostet, mich aus diesem Loch wieder rauszuziehen und das wieder herzustellen, was das Allerwichtigste für einen Schauspieler ist, nämlich sein Selbstvertrauen.

Im Laufe der Zeit habe ich dann auch irgendwann verstanden, warum mir das widersprochen hat: "Method acting" steht für mich im Gegensatz zum Kunstgedanken der Schauspielerei. Wenn ich weiß, dass ich in einer Szene, bei einem bestimmten Satz weinen muss und ich bereite mich emotional so vor, dass ich an diesem Satz auch tatsächlich weine, dann hat das mit dem kreativen Ansatz nichts mehr zu tun. Sondern es ist die Reproduktion von Gefühlen. Das ist für mich kein Kunstanspruch.

Sie spielen die Rolle und sehen dann einfach, was kommt?

M.: Falls es mit der Schauspielerei nichts geworden wäre, hätte Moritz Bleibtreu einen völlig anderen Beruf ergriffen.Ganz genau. Wie im Leben. Wenn ich mich überrasche, dann überrasche ich dich. Das ist eine ganz simple Logik. Ich kann mich gar nicht überraschen, wenn ich meinen Gefühlshaushalt vorher schon konstruiert habe. Meine Mutter hat mal gesagt: Es geht nicht darum, dass der Schauspieler weint, es geht darum, dass der Zuschauer weint.

Mit Zwiebeln geht es auch.

M.: Ja, mit Zwiebeln geht es theoretisch auch. Was auch immer du tun musst, um dein Gegenüber zu überzeugen: Ich respektiere jeden Ansatz. Es gibt so viele Ansätze, Schauspielerei zu betreiben, wie es Menschen auf dieser Welt gibt.

Author: Alice Markuly